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Ich sehe das folgendermaßen: Wenn Geld, Politik, Aufträge
und Menschen zusammenkommen, entstehen Begehrlichkeiten, Profit- und
Profilierungssüchte. Größenwahnsinnig
werden Protzbauten und Prestigeprojekte geplant und kalkuliert. Realisiert werden
sie dann dreimal so teuer.
Man versucht zu beschönigen, kaschieren, verschleiern oder
einfach zu lügen und betrügen, vor allem, wenn die Kontrolle fehlt. So
kommt es zwischen Angst und Gier nicht selten zu Bestechungsfällen. Seinen
ersten großen Bestechungsfall hatte Aachen bei seinem Dombau.
Als Karl seit
788 mit Eifer und Liebe das kühnste seiner Bauwerke, die Pfalzkapelle des
Odilo von Metz entstehen ließ, deren von germanischem Geist geprägte
Achteckform noch heute das Herzstück des Domes bildet, orderte er Säulen
und Marmor aus Rom und Ravenna, große
Quadersteine aus Verdun und allerlei Baumaterialien aus Maastricht,
Valkenburg und aus Steinbrüchen des heutigen Kornelimünster.
Mit Ihnen kamen auch die tüchtigsten Bauhandwerker aus
allen Gauen und Künstler aus Italien und England.
Die Bauleitung übertrug er seinem Geheimschreiber Eginhard,
der auch die Bronzetüren und Gitter für das imposante Münster gießen ließ.
Nicht selten spornte Karl selbst die Bauleute zu Hochleistungen an. Die mächtige, im Erdgeschoss zum Sechzehneck ausgeweitete
Rundkirche war für die an Holzbauten gewohnten Menschen ein steinernes
Wunder. Dieses Wunder zog Händler, Handwerker und Kaufleute an.
Der Bau wurde schnell vorangetrieben. Aachen wurde zur
Stadt. Doch noch ehe Karl die Hälfte seines Münsters fertiggestellt sah,
zog ihn der Krieg gegen die rebellischen Sachsen ins Feld, die zu
christianisieren er sich in den Kopf gesetzt hatte. Da er ahnte, dass die
Auseinandersetzung mit den Sachsen kein Spaziergang werden würde,
er legte die Vollendung des Baus in die Hände des Aachener
Stadtrates. So erging der herrscherliche Befehl, die Kirche sollte bei seiner Rückkehr
fertiggestellt sein.
Nur eine Weile lief alles nach Plan, denn auch beim Bau
eines Münsters hat Geld beizeiten die Eigenschaft, zu versickern, erst
recht in Abwesenheit von Kontrollen und in Krisenzeiten. Die Stadt konnte
die Baumeister, Handwerker und Künstler bald nicht mehr bezahlen. Vergebens sah
man sich nach Hilfe um. Auch Krisensitzungen brachten keinen Lichtblick.
Bald verlautete hier und da,
man müsse sich das Geld wohl vom Teufel selber leihen.
Tatsächlich tauchte bei der nächsten Ratssitzung ein
feingekleideter fremder Herr auf, der schon in den Mienen der Aachener lesen
konnte, worum es ging. Sie trauten ihren Ohren nicht, als er ihnen
anbot, eine beliebige Geldsumme zur Vollendung des Münsters bereitzustellen.
Und das in Gold ohne Agio, in Kriegszeiten, Zeiten des Wucherzinses. Sogar
ohne Rückzahlung der Summe, mit anderen Worten, geschenkt!
Die Sache hatte nur einen klitzekleinen Haken. Der edle
Herr wollte die gute Tat nicht zur Ehre Gottes tun, sondern hatte eine
ziemlich genaue Vorstellung von der Gegenleistung: Er verlangte die erste
Seele, die nach Vollendung des Münsters dasselbe betritt. Nach tiefem Schrecken, es mit dem Teufel zu tun zu haben,
einigte man sich. So erhob sich
schon bald der prächtige, damals höchste kirchliche Bau nördlich der
Alpen. Ein herrlicher Bau, den nur – aus naheliegenden Gründen - kein Mensch betreten wollte.
Pure Angst bemächtigte sich der Ratsmitglieder, rückte
doch der Tag der Konsekration* mit seinen großen Feierlichkeiten
immer näher.
Doch auch wenn man der Teufel ist, darf man sich nicht mit
dem Aachener Klerus, dem „lous
Knönche“ einlassen. Die „schlauen Kanoniker“ wissen sich immer zu
helfen. Vertraglich war ja nirgends vereinbart, dass es sich um ein
menschliches Wesen handeln sollte, wenngleich jeder bisher davon ausgegangen
war. So sperrten sie die bronzene Domtüre auf, warteten einen halben Tag
und jagten dann einen frisch gefangenen Wolf hindurch. (Jawohl, damals gab
es noch echte Wölfe im heutigen Stadtwald.)
Der seelenhungrige Luzifer, der nun schon arg gewartet
hatte, raste gierig auf das struppige Tier und riss ihm mit einem Ruck in
blinder Wut die Seele aus dem Wolfsleib. Rasend und zähnefletschend
entdeckte er zu spät den Betrug der Aachener und schlug in seinem Zorn die
eherne Türe mit solcher Gewalt hinter sich zu, dass sie einen Riss bekam
und er sich selbst den rechten Daumen in dem Türgriff abriss. Er verfluchte
die Aachener und schwor Rache. Und wir wissen, dass die Sache noch ein
Nachspiel
hatte. Der Daumen steckt noch heute in einem der beiden Löwenköpfe,
die die Domtüre zieren. Wem es gelingen sollte, den Daumen ganz herauszuziehen, erhält
vom Domkapitel ein goldenes Kleid.
Es heißt, dass zum Andenken an den glücklichen Ausgang dieser
Geschichte der Magistrat zwei Bronzefiguren gießen ließ. Einen Wolf und
einen Pinienzapfen, der die Seele symbolisieren soll. Sie sind in der
Vorhalle des Domes zu bestaunen.
Nun weiß aber jeder Aachener, dass der Wolf eigentlich eine
ältere, wasserspeiende Brunnenfigur (um 160 n. Chr.) und ebenso kein Wolf
ist, sondern eine Bärin, die ihren Platz in einem mit Säulengang
umgebenen Atrium hatte, das der Pfalzkapelle vorgelagert war. Die Bärin war ja die ständige Begleiterin der Dea Diana Arduinna, der
Eifelgöttin. Der
Pinienzapfen, ein altes Fruchtbarkeitssymbol aus dem 5. Jahrhundert,
dessen Sockel eine Darstellung der vier Paradiesströme zeigt, gesellte
sich erst im 11. Jahrhundert neben unsere Bärin.
Doch darf
der, der nach Aachen kommt und nicht den Wolf, seine Seele und die Wolfstüre
sieht, nicht behaupten, in Aachen gewesen zu sein.
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(Einweihung durch Papst Leo III am Dreikönigstag
des Jahres 805, wie die Legende meint)
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