AACHENER SAGEN UND LEGENDEN

      

Die Dombausage
erzählt von Bernd Altgassen

Ich sehe das folgendermaßen: Wenn Geld, Politik, Aufträge und Menschen zusammenkommen, entstehen Begehrlichkeiten, Profit- und Profilierungssüchte.  Größenwahnsinnig werden Protzbauten und Prestigeprojekte geplant und kalkuliert. Realisiert werden sie dann dreimal so teuer.
Man versucht zu beschönigen, kaschieren, verschleiern oder einfach zu lügen und betrügen, vor allem, wenn die Kontrolle fehlt. So kommt es zwischen Angst und Gier nicht selten zu Bestechungsfällen. Seinen ersten großen Bestechungsfall hatte Aachen bei seinem Dombau. 
Als Karl seit 788 mit Eifer und Liebe das kühnste seiner Bauwerke, die Pfalzkapelle des Odilo von Metz entstehen ließ, deren von germanischem Geist geprägte Achteckform noch heute das Herzstück des Domes bildet, orderte er Säulen und Marmor aus Rom und Ravenna,  große Quadersteine aus Verdun und allerlei Baumaterialien aus Maastricht, Valkenburg und aus Steinbrüchen des heutigen Kornelimünster.  
Mit Ihnen kamen auch die tüchtigsten Bauhandwerker aus allen Gauen und Künstler aus Italien und England. Die Bauleitung übertrug er seinem Geheimschreiber Eginhard, der auch die Bronzetüren und Gitter für das imposante Münster gießen ließ. Nicht selten spornte Karl selbst die Bauleute zu Hochleistungen an.
Die mächtige, im Erdgeschoss zum Sechzehneck ausgeweitete Rundkirche war für die an Holzbauten gewohnten Menschen ein steinernes Wunder. Dieses Wunder zog Händler, Handwerker und Kaufleute an.

Der Bau wurde schnell vorangetrieben. Aachen wurde zur Stadt. Doch noch ehe Karl die Hälfte seines Münsters fertiggestellt sah, zog ihn der Krieg gegen die rebellischen Sachsen ins Feld, die zu christianisieren er sich in den Kopf gesetzt hatte. Da er ahnte, dass die Auseinandersetzung mit den Sachsen kein Spaziergang werden würde, er legte die Vollendung des Baus in die Hände des Aachener Stadtrates. So erging der herrscherliche Befehl, die Kirche sollte bei seiner Rückkehr fertiggestellt sein.
Nur eine Weile lief alles nach Plan, denn auch beim Bau eines Münsters hat Geld beizeiten die Eigenschaft, zu versickern, erst recht in Abwesenheit von Kontrollen und in Krisenzeiten. Die Stadt konnte die Baumeister, Handwerker und Künstler bald nicht mehr bezahlen. Vergebens sah man sich nach Hilfe um. Auch Krisensitzungen brachten keinen Lichtblick. Bald verlautete hier und  da, man müsse sich das Geld wohl vom Teufel selber leihen.
Tatsächlich tauchte bei der nächsten Ratssitzung ein feingekleideter fremder Herr auf, der schon in den Mienen der Aachener lesen konnte, worum es ging. Sie trauten ihren Ohren nicht, als er ihnen anbot, eine beliebige Geldsumme zur Vollendung des Münsters bereitzustellen. Und das in Gold ohne Agio, in Kriegszeiten, Zeiten des Wucherzinses. Sogar ohne Rückzahlung der Summe, mit anderen Worten, geschenkt!
Die Sache hatte nur einen klitzekleinen Haken. Der edle Herr wollte die gute Tat nicht zur Ehre Gottes tun, sondern hatte eine ziemlich genaue Vorstellung von der Gegenleistung: Er verlangte die erste Seele, die nach Vollendung des Münsters dasselbe betritt.
Nach tiefem Schrecken, es mit dem Teufel zu tun zu haben, einigte man sich. So erhob sich schon bald der prächtige, damals höchste kirchliche Bau nördlich der Alpen. Ein herrlicher Bau, den nur – aus naheliegenden Gründen -  kein Mensch betreten wollte.
Pure Angst bemächtigte sich der Ratsmitglieder, rückte doch der Tag der Konsekration*  mit seinen großen Feierlichkeiten immer näher.
Doch auch wenn man der Teufel ist, darf man sich nicht mit dem Aachener Klerus, dem  „lous Knönche“ einlassen. Die „schlauen Kanoniker“ wissen sich immer zu helfen. Vertraglich war ja nirgends vereinbart, dass es sich um ein menschliches Wesen handeln sollte, wenngleich jeder bisher davon ausgegangen war. So sperrten sie die bronzene Domtüre auf, warteten einen halben Tag und jagten dann einen frisch gefangenen Wolf hindurch. (Jawohl, damals gab es noch echte Wölfe im heutigen Stadtwald.)

Der seelenhungrige Luzifer, der nun schon arg gewartet hatte, raste gierig auf das struppige Tier und riss ihm mit einem Ruck in blinder Wut die Seele aus dem Wolfsleib. Rasend und zähnefletschend entdeckte er zu spät den Betrug der Aachener und schlug in seinem Zorn die eherne Türe mit solcher Gewalt hinter sich zu, dass sie einen Riss bekam und er sich selbst den rechten Daumen in dem Türgriff abriss. Er verfluchte die Aachener und schwor Rache. Und wir wissen, dass die Sache noch ein Nachspiel hatte. Der Daumen steckt noch heute in einem der beiden Löwenköpfe, die die Domtüre zieren. Wem es gelingen sollte, den Daumen ganz herauszuziehen, erhält vom Domkapitel ein goldenes Kleid.

Es heißt, dass zum Andenken an den glücklichen Ausgang dieser Geschichte der Magistrat zwei Bronzefiguren gießen ließ. Einen Wolf und einen Pinienzapfen, der die Seele symbolisieren soll. Sie sind in der Vorhalle des Domes zu bestaunen.
Nun weiß aber jeder Aachener, dass der Wolf eigentlich eine ältere, wasserspeiende Brunnenfigur (um 160 n. Chr.) und ebenso kein Wolf ist, sondern eine Bärin, die ihren Platz in einem mit Säulengang umgebenen Atrium hatte, das der Pfalzkapelle vorgelagert war. Die Bärin war ja die ständige Begleiterin der Dea Diana Arduinna, der Eifelgöttin. Der Pinienzapfen, ein altes Fruchtbarkeitssymbol aus dem 5. Jahrhundert, dessen Sockel eine Darstellung der vier Paradiesströme zeigt, gesellte sich erst im 11. Jahrhundert neben unsere Bärin. 
Doch darf der, der nach Aachen kommt und nicht den Wolf, seine Seele und die Wolfstüre sieht, nicht behaupten, in Aachen gewesen zu sein.

* (Einweihung durch Papst Leo III am Dreikönigstag des Jahres 805, wie die Legende meint)

 

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