AACHENER SAGEN UND LEGENDEN

      

Das Bahkauv (Bachkalb)

erzählt von Bernd Altgassen


Gedicht in "Oecher Platt"

    

Vielerorts sind die Geburtstätten von Bächen und Flüssen, die Quellen, sagenumwoben. Das ist in Aachen nicht anders. Brodelnde, murmelnde, gurgelnde, nach Schwefel stinkende, heiße Quellen riefen geradezu nach Ungeheuern.
Ein Teufelsgeschöpf, das in Aachen sein Unwesen trieb, war das Bahkauv, ein nachtaktives eberartiges, schuppenbedecktes Untier mit scharfen Hauern, einem mächtigen Schwanz und langen Krallen an den Zehen.  In anderen Schilderungen sah es Auerochsen oder Echsen ähnlich. Schließlich bekam man es in der Dunkelheit nie richtig zu Gesicht.
Es wohnte in unterirdischen Höhlen, in der Umgebung des Kolbert, einem Brunnen zwischen Büchel und Holzgraben. Hier im historischen Quellbereich wuschen die armen Bürger ihre Wäsche und sparten sich so das Aufwärmen des Wassers.
Es griff nicht immer und nicht jeden an, sondern war durchaus wählerisch. So ging schon zu Karl des Großen Zeiten die Sage, dass sein Vater Pippin der Kurze mit ihm gekämpft habe. Tagsüber schlief das Wesen offensichtlich. In den Abendstunden erschien es und ging mit Kettengerassel besonders auf Kinder los, die sich noch in den Straßen aufhielten. 
In der Nacht lauerte das Untier alkoholisierten Heimkehrern auf, hängte sich an deren Rücken und lies sich von den Betrunkenen bis vor deren Haustür schleppen. Auf diese Weise soll das nach Schwefel stinkende Bachkalb viele alkoholisierte Zecher auf den rechten Weg gebracht haben, ob aus Angst vor ihm oder ihren Ehefrauen oder Furcht vor dem Gerede der Nachbarn.
Die Frauen behaupteten ohnehin, es sei pure Erfindung der Männer, die die wahren Gründe der Ausgaben am Tresen vertuschen wollten und behaupteten, das Bahkauv habe ihnen alles abgenommen.
Hier enden die meisten Erzählungen. Doch weiß jeder Aachener, dass es sich anders zutrug. Denn eines Tages hatte der Wächter vom Jakobstor das Tier gesehen  und konnte es genau beschreiben. So wurde er beauftragt, das Viertel zu beobachten und zu bewachen.  Leider kam er immer wieder den entscheidenden Augenblick zu spät, wenn wieder einmal ein armer Bürger Bekanntschaft mit dem Unhold machte und seines letzten Geldes beraubt wurde.
Schließlich sollte ein Schmiedemeister mit schraubstockgroßen Pranken der Angst ein Ende setzen. Auf seinem Heimweg in die Königstraße von seiner Stammkneipe der "Kette" schlenderte er die Jakobstraße hinauf, als er plötzlich ein Rasseln und Fauchen hinter sich hörte. Gelassen zog er weiter, bis das Tier ihm im Genick saß.
Er bekam seinen Angreifer zu fassen, wirbelte ihn durch die Luft und ließ ihn auf den Boden krachen. Vor Schmerz gekrümmt wand sich das Bündel wimmernd auf der Erde, als die Nachbarn vom Lärm geweckt mit Licht herbeieilten.
Und wer steckte in der Verkleidung? Der Wächter vom Jakobstor. Der Chronist vermerkt hierzu: " Item anno domini 1605 an dem 12. Novembris ist Hans Palmen, Torwächter am Jakobstor, Diebereien halber und falscher Maskerade ein Unthier machend, in acht geführt und peinlich examiniert worden; wurde mit Ruthen ausgestrichen, gebrannt und der Stadt Aach zu ewigen Tagen verwiesen. "
Von nun an konnten die braven Bürger wieder ihren Abendschoppen ohne Angst zur Brust nehmen.
Leider wurden Aachens Bäche und Quellen überbaut, zubetoniert und unter die Erde verbannt. So ist auch der Reiz verloren gegangen, Geschichten wie die vom Bahkauv zu ersinnen.

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